Marktausblick: Fragile Wachstumschancen


Im letzten Blogbeitrag habe ich einige langfristige Trends beleuchtet, die sich aus der Covid-19-Pandemie ergeben. Dieser Blogbeitrag widmet sich nun verstärkt einem kurz- bis mittelfristigen Ausblick und wie sich die Märkte in den nächsten Monaten entwickeln werden. Selbstverständlich spielt dabei die Pandemie nach wie vor eine entscheidende Rolle.

Auch wenn die Märkte die Höchststände von Anfang Jahr (noch) nicht erreicht haben, haben sie sich von den Tiefständen Mitte März bereits stark erholt. Die Aktienmärkte sind mittlerweile tendenziell wieder hoch bewertet und Rückschläge sind jederzeit möglich.

Erneuter Bärenmarkt unwahrscheinlich, aber «buy the dip» bleibt wichtig

Die Reaktionsfähigkeit und -bereitschaft der Zentralbanken und Staaten ist aber nach wie vor hoch. Unter der Annahme, dass weitere Schocks wie zum Beispiel ein eskalierender Handelsstreit zwischen den USA und China oder eine zweite grössere Infektionswelle ausbleiben, halten wir einen Kurssturz, wie wir ihn im Februar und März erlebt haben, in den nächsten Wochen und Monaten deshalb für unwahrscheinlich.

Der Ausblick für die Aktienmärkte bleibt grundsätzlich positiv, aber weiterhin volatil. Die Volatilität bietet Chancen, und insbesondere eine «buy the dip»-Strategie kann die Möglichkeit eröffnen, überdurchschnittlich von späteren Kursgewinnen zu profitieren.

Gesundheitssektor- und Technologietitel bleiben attraktiv

Unabhängig von kurzfristigen Chancen, die sich aus der aktuellen Volatilität ergeben, bleiben nach wie vor die «Pandemiegewinner» aus dem Gesundheitssektor wie auch Tech-Unternehmen attraktiv. Zudem sehen wir angesichts der starken staatlichen Interventionen (siehe unten) Anlagechancen im Infrastrukturbereich. Dies gilt insbesondere für den Bereich Green Technology, der trotz der Covid-19-Pandemie nach wie vor Aufwind geniesst.

Schwellenländer besonders betroffen

Während in vielen Industrieländern die Wirtschaftstätigkeit langsam wiedererwacht, ist die Pandemie in vielen Schwellenländern erst angekommen und hat sich in den letzten Wochen und Monaten insbesondere in Südamerika stark ausgebreitet. Gleichzeitig haben diese Staaten oft nicht die Mittel, um den wirtschaftlichen und auch sozialen Folgen von Covid-19 zu begegnen.

So geht die Weltbank davon aus, dass die Wirtschaftsleistung Südamerikas aufgrund der Pandemie um 7.2% einbrechen wird, deutlich mehr als zum Beispiel in Europa mit 4.7%.[1] Dies schlägt sich natürlich in den Aktienkursen – insbesondere im Vergleich zu den Industrienationen – und den Währungskursen nieder.

Staaten stützen Wirtschaft in Europa und den USA

Für die zweite Jahreshälfte gehen wir in Europa und den USA von einer deutlichen wirtschaftlichen Erholung aus. In Europa werden die einzelnen Staaten wohl die Konjunktur noch stärker stützen, und die EU wird am Gipfel Ende dieser Woche sehr wahrscheinlich den sogenannten «Recovery Fund», der aus sich aus insgesamt EUR 750 Milliarden an Krediten und Zuschüssen zusammensetzt, beschliessen.

Vom Recovery Fund werden insbesondere die Peripherie-Staaten profitieren, was entsprechende Chancen eröffnet. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass auch die USA ihr Stimuluspaket im Sommer noch ausbauen respektive verlängern wird. Insgesamt planen die Industrienationen in der sogenannten «Fitch 20»-Gruppe Stand anfangs Juni Unterstützung in Umfang von 11% des BIP.[2] Dank diesen starken Interventionen wird sich die Wirtschaft im zweiten Halbjahr noch mehr erholen, und es ergeben sich weitere Anlagechancen.

Insgesamt eröffnen sich «dank» der Corona-Pandemie und auch den damit verbundenen staatlichen Massnahmen neue Anlagechancen. Doch angesichts der hohen Volatilität und der Fragilität der momentan positiveren wirtschaftlichen Aussichten sind nach wie vor Vorsicht und aktives Management unabdingbar.

[1] The World Bank. The Global Economic Outlook During the COVID-19 Pandemic: A Changed World. https://www.worldbank.org/en/news/feature/2020/06/08/the-global-economic-outlook-during-the-covid-19-pandemic-a-changed-world