Omikron macht Sorgen – auch in der Wirtschaft


Die Coronavirus-Variante «Omikron» ist auch für die Wirtschaft keine gute Nachricht. Wenngleich das Abwärtsrisiko sicher steigt, ist weiterhin unklar, mit welchen Auswirkungen wirklich zu rechnen ist. Das hängt nicht zuletzt von den Eigenschaften des Virus ab, über die bisher noch zu wenig bekannt ist. Auch welchen Einfluss bestehende Coronamassnahmen dabei haben ist unklar. Schliesslich stellen die aktuellen Inflationsraten auch die Zentralbanken in dieser Situation vor ein Dilemma.


Weltweit mehren sich die Sorgen über die neue Virusvariante Omikron, doch das Ausmass ihres Einflusses auf Wirtschaft und Finanzmärkte lässt sich aktuell nur sehr schwer einschätzen. Grund dafür ist in erster Linie, dass sich auch das Virus selbst bisher nur schwierig einschätzen lässt.

Noch ist unklar, welche Massnahmen notwendig werden
Im negativsten Szenario würde sich bestätigen, dass Omikron deutlich infektiöser ist, als die momentan vorherrschende Delta-Variante und gleichzeitig mit einer geänderten Immunantwort einhergeht, die sowohl den Schutz durch eine vormalige Infektion als auch einer Impfung umgeht. In diesem Fall stünde die Welt vor einem «Covid-21» – einer erneuten Pandemiewelle, die massive Gegenmassnahmen erfordern würde. Das Szenario ist wirtschaftlich am bedenklichsten, aber trotz aller negativen Nachrichten wohl eher wenig wahrscheinlich.

Auch im positivsten Szenario, in dem der Immunschutz durch die Impfung nur wenig beeinträchtigt wird, gäbe es jedoch noch negative Auswirkungen auf die Wirtschaft: Sie sind vor allem in der ersten Unsicherheit begründet, in der vorsorgliche Massnahmen ergriffen werden, bevor mehr über das Virus bekannt ist.

Am wahrscheinlichsten ist wohl, mit einem Szenario dazwischen zu rechnen, das von einem teilweisen Verlust der Immuneffektivität ausgeht. Dafür sprechen erste Meldungen aus Südafrika. Es kann nichtsdestotrotz erwartet werden, dass sich das Virus schnell verbreitet und weltweit vorsorgliche Gegenmassnahmen getroffen werden müssen, um eine grosse Infektionswelle zu verhindern.

Bestehende Massnahmen könnten mittelfristig positiv wirken
Die aktuelle Situation in Europa ist schon heute schwierig, auch für die Wirtschaft. Da die Fallzahlen bereits sehr hoch sind oder schnell steigen und die Gesundheitssysteme in einigen Ländern bereits stark belastet sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für eine deutliche Verschärfung bestehender Massnahmen. Auch das Risiko erneuter Lockdowns hat stark zugenommen.

Das hat eindeutig negative wirtschaftliche Auswirkungen, mag aber auch positive Nebeneffekte haben: Sollten die bestehenden Massnahmen die Ausbreitung der neuen Virusvariante von Beginn an verlangsamen, könnte das die wirtschaftlichen Auswirkungen längerfristig abdämpfen und schlussendlich gar positiv zu werten sein.  Nichtsdestotrotz bleiben vor allem die Dienstleistungssektoren aus dem Bereich Tourismus, Gastronomie und Veranstaltungen gefährdet und drohen unter Omikron zu leiden.

Weitere Einschränkungen gefährden bereits angeschlagene Lieferketten
Ausserhalb Europas ist die aktuelle Situation noch nicht so dramatisch, jedoch wird sich auch dort die neue Virusvariante ohne deutliche Gegenmassnahmen ausbreiten. Daher ist damit zu rechnen, dass Reisebeschränkungen global schnell und stark verschärft werden. Auch nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass es erneut zu Schliessungen von Fabriken oder gar Häfen in verschiedenen Ländern kommen wird.

Die globalen Lieferketten sind ohnehin schon gestört und sehr anfällig für weitere negative Ereignisse. In der Folge könnten sich die Angebotsengpässe in den nächsten Wochen und Monaten nochmals spürbar verschärfen. Auch die Industrieproduktion könnte darunter leiden, wenn dies auch in Europa erneut Produktionseinschränkungen zur Folge hätte. Entsprechend nimmt das Abwärtsrisiko nicht nur für Südafrika oder Europa, sondern auch für die gesamthafte globale Wirtschaft zu.

Omikron könnte Inflation zunächst etwas eindämmen
Auch für den Inflationsausblick haben verschärfte Coronamassnahmen spürbare Auswirkungen. So ging der Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 zunächst mit einem starken disinflationären Impuls einher, weil die Nachfrage für viele Güter eingebrochen war. Die erneuten Reisebeschränkungen, die wohl tendenziell noch ausgeweitet werden dürften, werden einen ähnlichen Effekt haben, da in Folge die Nachfrage nach Öl/Kerosin sinken wird. In den letzten Novembertagen hat der Ölpreis bereits spürbar nachgegeben, das Abwärtsrisiko bleibt aber weiterhin ausgeprägt. Auch wenn dieser Effekt die Inflationsrate zumindest kurzfristig etwas drücken könnte, wirkt die Pandemie mittel- bis langfristig weiterhin inflationär, sollten sich die Angebotsengpässe erneut zuspitzen, was weiterhin preistreibend wirken wird.

Dilemma für Zentralbanken
Mittelfristig wird das Dilemma für die Zentralbanken damit jedoch nur noch grösser. Schon nur die erhöhte Unsicherheit spricht für eine gewisse Verzögerung der erwarteten geldpolitischen Straffung. Zusätzlich könnten neue Fiskalprogramme zur Unterstützung der Wirtschaft aufgelegt werden. Eine neue Runde von Zinssenkungen erscheint hingegen auch im Risikoszenario von «Covid-21» wenig wahrscheinlich, da die Inflation im Gegensatz zu Beginn der Pandemie nun deutlich höher liegt.

Klar ist, dass Omikron das Abwärtsrisiko für die Wirtschaft deutlich erhöht. In welchem Ausmass sich dieses Risiko schliesslich manifestiert, wird wohl erst in den nächsten Wochen sichtbar werden, wenn mehr Informationen über die neue Virusvarianten zur Verfügung stehen.

Unsicherheit für Investoren
Investoren haben in dieser Situation zwar Grund zur Sorge und sind gut beraten, die weitere Entwicklung im Auge zu behalten. Die wirtschaftlichen Auswirkungen werden direkt auf das Verhalten der Notenbanken Einfluss haben und somit auch den Kursverlauf der Aktienmärkte mitbestimmen. Der längerfristige Ausblick spricht aber dafür, nicht zu überreagieren, sondern weiterhin in Aktien investiert zu bleiben, denn es führt auch in dieser Situation kein Weg an dieser Anlageklasse vorbei.